Erschienen im Splitter - IT-Nachrichten für die Berliner Verwaltung. (4/2003)
.LRN ist ein webbasiertes Open-Source-E-Learning-System, das auf dem ebenfalls frei verfügbaren Community-System OpenACS basiert.
Die Entwicklung von OpenACS geht bis 1993 zurück, als der MIT-Dozent Philip Greenspun die Site http://photo.net startet. Im Laufe der Jahre wächst die Software dieser Community-Site. 1997 wird die Firma ArsDigita gegründet, die aus dieser Software ein Toolkit namens ArsDigita Community System - ACS - entwickelt, das unter der Open-Source-Lizenz GPL zum Download zur Verfügung steht. Neben ArsDigita entstehen weitere Firmen, die mit dem ACS Webanwendungen entwickeln.
Das ACS erfordert als Datenbank-System Oracle, deshalb portiert eine Initiative Freiwilliger die Software auf das frei verfügbare Datenbank-System PostgreSQL und benennt diese Version OpenACS.
Die Firma ArsDigita überlebt den DotCom-Crash nicht, aber da der komplette Code sowohl vom ACS als auch vom OpenACS zur Verfügung steht, kann die Software weiterentwickelt werden. Rund um die OpenACS-Community gibt es ausreichend Firmen und freiberufliche Software-Entwickler, die weiterarbeiten und einen Weiterbetrieb von Web-Sites gewährleisten können.
Das MIT hatte für die Sloan-Business-School von der Firma ArsDigita eine E-Learning-Software entwickeln lassen und schreibt 2001 die Entwicklung eines neuen Systems aus. Der Gedanke, eine offene und erweiterbare Infrastruktur zu schaffen, führt dazu, daß das entstehende System Open Source wird.
Als technologische Grundlage wird OpenACS gewählt, die Software wird in Anlehnung an .NET .LRN genannt. .LRN 1.0 ist ein community-zentrisches E-Learning-System, das den Präsenzunterricht am MIT um eine weitere Komponente ergänzen soll.
2002 beginnt sich dann auch die Universität Heidelberg für .LRN zu interessieren. Die medizinsche Fakultät ist ein Vorreiter im Bereich E-Learning und betreibt seit 2000 ein kommerzielles System, die gemachten Erfahrungen führen dazu, daß ganz bewußt auf Open Source gesetzt wird.
Die akademische Tradition der offenen und frei verfügbaren Information macht das Open-Source-Modell für Universitäten besonders interessant, denn mit Open Source-Software erwirbt man nicht nur das Recht, den Quellcode lesen zu können und zu dürfen, sondern auch, diesen zu ändern und diese Änderungen Dritten zugänglich zu machen.
Bei einem Thema wie E-Learning, wo die Begrifflichkeit noch sehr diffus ist und zahlreiche Projekte selbst Forschungsprojekte sind, ist Anpaßbarkeit und Erweiterbarkeit essentiell. Bei Open-Source-Software ist das optimal gegeben, neue Standards können so zum Beispiel rasch abgedeckt werden. Änderungen und Erweiterungen der Software gehen dabei nicht verloren, weil sie an das Open-Source-Projekt zurückgegeben werden können und so von der Community weitergepflegt werden.
Bei .LRN wird - wie bei zahlreichen anderen Open-Source-Projekten - auch der Programmcode in einem offenen und transparenten Prozeß weiterentwickelt, der gesamte "CVS-Tree", die Quellcodeverwaltung, ist zugänglich. Institutionen können auf die Entwicklung Einfluß nehmen, indem sie Projekte finanzieren oder entsprechende Funktionalität selbst programmieren und an das Projekt zurückgegeben.
.LRN 2.0 ist auf Betreiben der Universität Heidelberg komplett internationalisiert und ins Deutsche übersetzt worden, ein Projekt, daß ihr vorheriger Anbieter nur mit geringem Interesse betrieben hatte. Zukünftige .LRN-Versionen werden auf dieser Code-Basis aufbauen und inzwischen gibt es auch Übersetzungen zum Beispiel ins Spanische, Finnische oder Arabische.
Insgesamt werden so oft Kosten und Risiken gesenkt und einmal getätigte Investitionen gehen nicht verloren. Da es mehr als einen Anbieter gibt, können Projekte ausgeschrieben und an den besten Anbieter vergeben werden. Die regionale Abdeckung bei Open Source-Software ist meist viel besser als bei kommerzieller Software, Support kann zum Beispiel oft mit Vorort-Anbietern abgedeckt werden. Außerdem sind drastische Lizenzänderungen nicht möglich, die Zusammenarbeit mit Dienstleistern bleibt seriös und planbar.
.LRN wird verwendet am:
Diese Universitäten arbeiten zusammen, um die Weiterentwicklung und Weiterverbreitung von .LRN zu gewährleisten. In den nächsten Monaten wird diese Zusammenarbeit durch die Gründung eines .LRN-Konsortiums institutionalisert werden.
OpenACS verwendet als Webserver den frei erhältichen AOLServer, als Datenbank entweder PostgreSQL oder Oracle und ein "unixartiges" Betriebssystem, zum Beispiel Linux oder Solaris.
Vom Programmiermodell her ist OpenACS datenbankzentrisch, Datenmodell und SQL ist eng an die jeweilige Datenbank angebunden, damit ist gute Skalierbarkeit gewährleistet. Die Business-Logik-Schicht verwendet als Programmiersprache TCL, eine Scripting-Sprache, die kurze Entwicklungszyklen per "Rapid Development" ermöglicht. Die Präsentationsschicht verwendet HTML mit einer einfachen eingebetteten Scripting-Sprache.
Die strikte Trennung von Programm-Logik und Präsentation verringert die Gefahr des "Forking", damit bezeichnet man im Open-Source-Jargon das Ändern der eigenen Version einer Software derart, daß zukünftige Versionen aus der Community nicht mehr oder nur mit hohem Aufwand verwendet werden können.
.LRN-Funktionalität ist in Packages aufgeteilt, zum Beispiel File-Storage oder Forums. Packages können im Package-Manager - APM - installiert oder deinstalliert werden, geupgradet oder nachinstalliert werden. Mit dem Portal-Package können Daten in Portlets arrangiert und benutzerfreundlich angezeigt werden. Die flexible modulare Architektur ist eine weitere Rückversicherung gegen "Forking".
Das Permissioning-System ist hierarchisch und erweiterbar, skaliert aber auch gut bei wachsender Benutzeranzahl: Das derzeit größte .LRN-System wird von circa 100.000 Usern verwendet. Die Permissioning-API ermöglicht dem Programmierer effizientes Entwickeln von sicheren Anwendungen.
Das Bugtracking-System für .LRN ist öffentlich, Sicherheits- und Performance-Probleme werden umgehend und transparent beseitigt, in den Webforen wird Weiterentwicklung, Programmierung und Benutzung von .LRN und OpenACS diskutiert. 
.LRN versteht den Begriff E-Learning als Unterstützung des Präsenzstudiums durch eine weitere Kommunikationsmöglichkeit: das gemeinsame Lernen in Online-Communities. Eine Community, eine "Lerngruppe", muß dafür nicht unbedingt einem Kurs entsprechen, Lernende können so fachübergreifend oder in Kleingruppen zusammenarbeiten. Jede Lerngruppe hat eine eigene Portal-Seite.
Pro .LRN-Installation kann es beliebig viele, hierarchisch angeordnete Lerngruppen geben. Die Benutzer- und Gruppenverwaltung geschieht innerhalb von .LRN, kann aber mit dem External-Authentication-Package mit einem schon bestehenden Directory-Service kommunizieren.
Ein neuer Benutzer kann sich selbstständig an einem .LRN-System anmelden oder von einem Systemadministrator eingetragen werden, es existiert auch eine Möglichkeit, mehr als einen User anzumelden, damit zum Beispiel zum Semesterbeginn alle neuen Studenten Zugang zum E-Learning-System erhalten können.
Eine neue Class oder Community muß von einem Systemadministrator angelegt werden. Eine schon bestehende Class kann kopiert werden, dabei werden die alten Inhalte gesichert und dann in die neue kopiert und alle Class-Teilnehmer entfernt. Das Aufsetzen von neuen Veranstaltungen kann so weitgehend automatisiert werden.
Der Administrator einer Class oder Community legt fest, wie sich neue Mitglieder anmelden können:
Das Rechtesystem von .LRN ist rollenbasiert und feingranuliert, damit das Delegieren von Aufgaben und Arbeiten möglich ist: beispielsweise können Professoren ihren Kurs selber gestalten oder diese Arbeit an ihre Assistenten übertragen.
Das Forums-Package ermöglicht das zeit- und ortsunabhängige Online-Diskutieren und den Informationsaustausch, an eine Forum-Nachricht können auch Dateien angehängt werden. "Bequeme" Benutzer lassen sich neue Nachrichten normalerweise per Email-Notification zuschicken. Über das Forums-Portlet werden neue Postings auf der jeweiligen Portal-Seite angezeigt.
Mit dem News-Package können Dozenten oder Administratoren Mitteilungen an ihre jeweiligen Gruppenmitglieder schreiben, diese Beiträge können ein Freigabe- und Verfallsdatum haben. Per Bulk-Mail-Package können auch individuelle oder Gruppen-Emails verschickt werden, diese werden archiviert.
Dateien können im File-Storage-Package verwaltet werden, damit bildet es auch das Fundament des Kurs-Management-Systems. Administratoren können Ordner anlegen und Dateien hochladen oder Dateien als URLs auf andere Ressourcen im Web anlegen. Diese Inhalte können dann als Kurs oder wiederverwendbares Archiv für künftige Semester verwendet werden.
Das File-Storage-Package ermöglicht die Versionierung von Dateien, Benutzer können damit gleichzeitig diesselbe Datei ohne das Risiko von Datenverlust bearbeiten. In der nächsten .LRN-Version wird WebDav - Distributed Authoring and Versioning - unterstützt, ein Protokoll, das für die Desktop-Anwendung transparentes Arbeiten mit Dateien auf einem Webserver spezifiziert und ermöglicht.
Veranstaltungen können mit dem Calendar-Package angekündigt werden, außerdem können Benutzer auch ihre privaten Termine verwalten. Verschiedene Sichten - Monats- und Wochenübersicht, alle Termine eines Tages und eine Listenübersicht - können über das entsprechende Portlet in .LRN verwendet werden. Es ist möglich, regelmäßige wiederkehrende Termine anzulegen, eine Möglichkeit, Kalendertermine zu kategorisieren und eine Outlook-Synchronisation runden dieses Package ab.
Im Homework-Package können Studierende Dateien hochladen und Tutoren diese kommentieren, bewerten und zurückschicken. Diese Kommunikation wird gespeichert und ist so später nachvollziehbar. Online-Präsentationen können mit Wimpy-Point gestaltet werden.
Das Survey-Modul erlaubt das Aufsetzen und Durchführen von Multiple-Choice-Tests. Eine Umfrage kann so konfiguriert werden, daß sie ein- oder mehrfach durchgeführt werden kann. Die Umfrageergebnisse können online aggregiert und im CSV-Format exportiert und dann zum Beispiel in einer Tabellenkalkulation weiterbearbeitet werden. Das Complex-Survey-Package ermöglicht das Anlegen von Verzweigungsfragen, editierbare Antworten, ein Feedback-Tool, anonyme Umfragen und vieles mehr und wird mit .LRN 2.1 verfügbar sein.
Mit dem Curriculum-Package kann ein Dozent Abläufe festlegen: ein User darf eine entsprechende URL erst besuchen, wenn er eine andere URL vorher besucht hat. Das generische Workflow-Package wird hier für .LRN 2.1 eine erhebliche Erweiterung bringen, so daß auch komplexere Abläufe wie paralleles Abarbeiten oder Prüfungen nach jedem Schritt mit eventuellem Nacharbeiten möglich sind.
.LRN 2.0 sollte zum Erscheinen des Artikels bereits verfügbar sein. Die Version 3.0 ist für Frühling 2004 geplant, die Arbeiten werden sich auf Unterstützung von Standards wie IMS, SCORM oder OKI konzentrieren. Version 4.0, geplant für Herbst 2004, wird erhebliche Verbesserungen im Kurs-Management bringen. Das .LRN-Konsortium wird dabei dafür sorgen, daß diese Termine auch zuverlässig eingehalten werden.
Die offizielle .LRN-Seite ist unter http://dotlrn.org zu finden, dort werden die wichtigsten Informationen gesammelt:
Die Homepage des OpenACS-Projekts ist http://openacs.org, neben den Online-Foren befindet sich dort auch das Quellcodeverwaltungs- und das Bugtracking-System.
Die deutschsprachige OpenACS-Site ist unter http://openacs.de im Entstehen und wird zum Erscheinen dieses Artikels fertig sein.
Der Autor des Artikels arbeitet aktiv an OpenACS und .LRN mit und bietet Installation, Support und Programmierung im OpenACS- und .LRN-Umfeld an.